Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) verteidigt im Interview mit der Frankfurter Rundschau die von der Landesregierung geplante Einführung von Studiengebühren. Die Argumentationsführung spricht für sich.
Auf den Einwand, dass Studiengebühren keinerlei Verbesserung der Lehre an den Hochschulen mit sich bringen würde, meint Herr Corts lediglich, dies sei natürlich Sache der Hochschulen: [FR:] Sie bedauern, dass die Studienzeiten in Deutschland zu den längsten in Europa gehören. Für bessere Studienbedingungen, die vielleicht zu einem schnelleren Abschluss führen würden, leistet das neue Gesetz aber nichts.
[Corts:] Ich werde die Kritik von Asten und Studenten aufnehmen, die zum Beispiel sagen, sie könnten wegen überfüllter Seminare nicht in der Regelstudienzeit fertig werden. Diese Kritik leite ich an die Hochschulen weiter und werde mir berichten lassen, was sie denn tatsächlich zur Verbesserung der Studienbedingungen tun.
Weiterhin kritisiert Herr Corts den Lebensstil von "LangzeitstudentInnen" und möchte ihnen den Weg zu einem "hervorragenden Lebensweg" ohne Hochschulabschluss weisen: [FR:] Die Studiengebühren werden wohl zu einer Exmatrikulationswelle führen. Ist es das, was Sie wollten?
[Corts:] Bei einigen Studenten werden die Gebühren sicher dazu führen, dass sie ihr Studium ohne Examen abschließen. Natürlich ist das eine Niederlage. Aber man muss nicht sein ganzes Heil in diesem Abschluss sehen. Es gibt auch andere hervorragende Lebenswege.

# Montag, 24. November 2003, 16:11, von moe in Presse

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mpv kommentierte am Montag, 24. November 2003, 18:54:
Jaja

Zweifelsohne irrt sich Herr Corts, wenn er glaubt, sich zum alleinigen Juror ob der Qualität eines individuellen Lebensweges machen zu können. Das führt hin zu einer Vorschreibung des eh schon in manchen systemischen Gruppierungen vorhandenen (Lebens-)Skriptes. Das Urteil darüber, ob ein Lebensweg zu einem Individuum passt - also hervorragend ist - oder nicht, sollte bei dem Individuum selbst belassen bleiben! Es muss ja nicht alles "bündig" sein...
Nun - wie gehabt: Die Union versucht über die Hintertür, zivilgesellschaftliche Belange zu berühren und vor allem die Gesellschaft zu formen.

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mpv antwortete am Montag, 24. November 2003, 19:10:

btw: Vom "Recht auf das Streben nach Glück" hat wohl noch niemand in der Union gehört? Ist zwar nicht per Verfassung verankert in D - aber den eigenen Weg zu gehen und das eigene Glück selbstbestimmt zu suchen und zu finden - das sollte hier in die Debatte kommen! Und wenn es eines Individuums Glück bedeutet, möglichst umfassend und tief zu studieren und den Abschluss anzustreben - dann muss sich Herr Corts damit zufrieden geben, dass dem so ist!
Kein Reframing jetzt, Herr Corts!!!

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breily antwortete am Montag, 24. November 2003, 21:45:
Deutlicher Beweis

Einen noch deutlicheren Beweis als den des Herrn Corts für das Desinteresse deutscher Politiker am Streben nach Bildung und Sicherheit der Bürger des Staates, den zu vertreten sie sich verpflichtet, kann es ja wohl nicht geben. Dieses rücksichtslose Niederbügeln individueller Leben und Lebensgeschichten durch unsere Politiker zeigt gerade in der Studiendiskussion sein undemokratisches Gesicht. Wieviel von dem, was nur noch zwischen den Zeilen der Verfassung existiert ist denn überhaupt noch da? Volkssouveränität; das ist was anderes.
Und das Schlimme ist die Dekadenz der Masse die sich jeden Tag ein Stück mehr bestehlen lässt, und sich noch dafür bedankt.....

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moe kommentierte am Dienstag, 25. November 2003, 20:28:
GRÜNE: Unverschämte Sprüche von Minister Udo Corts helfen Universitäten und Studierenden nicht weiter

'Die Erklärungen des Wissenschaftsministers, wonach es neben einem abgeschlossenes Studium auch noch 'andere hervorragende Lebenswege' gibt, ist an Zynismus nicht zu überbieten', kritisiert die hochschulpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN, Sarah Sorge, jüngste öffentliche Äußerungen des Ministers.

'Die Tatsache, dass Udo Corts nun einräumt, dass der 'erzwungene Studienabbruch Einzelner, die die Gebühren nicht aufbringen können, eine Niederlage wäre', zeigt doch wie richtig wir mit unserer Kritik an den Studiengebühren liegen.'
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